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Geschichte der Editionsphilologie

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1. Editionstypen und ihre Merkmale ("Editionswissenschaft, Bodo Plachta, S. 11-26)Bearbeiten

  • Editionen sind sehr zeit-,arbeits-,personal- und kosteninensiv, haben aber sehr hohe wissenschaftliche Standards
  • 1924 entwarf Georg Witkowski eine Typologie von Editionen, die den unterschiedlichen Bedürfnissen und Kenntnissen der Benutzer entgegenzukommen versuchte, Einlösung wissensch. Ansprüche wurde aber nach wie vor Vorrangstellung eingeräumt
  • Typenhierarchie: historisch - kritische Gesamtausgabe - Studienausgabe - Leseausgabe, editorische Sondernformen: Faksimile und Regestausgabe
  • Kritik vor allem an der historisch - kritischen Ausgabe, da Vollständigkeitsanspruch, hochspezialisierte Darstellungsmethoden zu zunehmender Entfernung von nicht-wissensch. Lesepublikum führen
  • JEDE Edition muss in erster Linie einen zuverlässigen Text zur Verfügung stellen, als Grundlage jeder historischen und interpretatorischen Betrachtung!


  • historisch - kritische Ausgabe = repräsentativster und wissen. qualifiziertester Editionstyp, im 19. Jhd. erfunden, hat im 20. Jhd. spezif. Ausprägung erhalten
  • auch hist. - krit. Edition eines Einzelwerks oder einer exempl. Korrespondenz möglich, solche Projekte befinden sich dann vielfach in der Obhut von bedeutenden nationalen Institutionen wie Akademien, Archiven oder Universitäten und erhalten eine finanzielle Förderung aus öffentlichen Mitteln
  • "historisch": Texte sind immer historische Dokumente, ihre Entstehung und die aus ihr resultierenden Ergebnisse müssen als ein historischer Prozess beschrieben und fixiert werden

>>>wichtige Aufgabe der hist. - krit. Ausgabe ist damit, diesen Entstehungsprozess aus historischen, biographischen oder poetologischen Komponenten möglichst umfassend zu dokumentieren und zu erläutern!

  • muss nicht nur sämtliche Materialien eines zu edierenden Werkes sichten, sondern auch die Arbeitsstadien aus diesem Material ermitteln
  • die gewonnen Ergebnisse müssen dann für einen Leser (der das Originalmaterial gewöhnlich nicht vorliegne hat) in nachvollziehbarer Weise aufbereitet werden, um sie für weitere Beschäftigung verfügbar zu machen
  • zudem muss Entstehungsgeschichte die einzelnen Phasen der Entstehung eines Werks konkret in die Lebensgeschichte des Autors und in die Zeitgeschichte einfügen
  • "kritisch": explizit textkritisch, alle erhaltenen Textträger müssen auf ihre Autorisation, auf ihre Bedeutung für die Textentwicklung und die Edition geprüft werden
  • kritisch heißt auch, dass man den Text auf Fehler untersucht und diese u.U. beseitigt

>>>elementare Bestandteile einer historisch - kritischen Ausgabe:

(1) Vollständigkeit

(2) Textentstehung wird nachvollziehbar gemacht

(3) Gleichberechtigte Wiedergabe aller Fassungen eines Textes

(4) Verzeichnis aller Varianten eines Textes

(5) Wiedergabe der Textentstehung in einem genetischen Apparat

(6) Abdruck aller Materialien (Notizen, Exzerpte, Schemata...), die als vorbereitende Arbeiten zu einem Text dienten (Paralipomena)

(7) Beschreibung aller erhaltenen Textträger (auch verlorene)

(8) Wiedergabe aller Dokumente zur Entstehung und Textgeschichte

(9) Erläuterung der Wirkungsgeschichte eines Textes oder Werkes zu Lebzeiten des Autors

(10) Kommentierung der Sachbezüge u.a. aus historischer, literat - und sprachhistorischer sowie biographischer Perspektive


  • Studien - und Leseausgaben haben andere Zielgruppen
  • Studienausgabe verfährt immer selektiv, Ziel ist vor allem die Texterschließung, analytisch-deutende Aspekte treten mehr in den Vordergrund
  • modernisierende Eingriffe in Orthographie und Interpunktion hist. Texte sind nach wie vor umstritten, 1985 sagte der Deutsche Klassiker Verlag aber: "Texte aus dem Zeitraum 1700-1900 werden im Regelfall orthographisch modernisiert" (S.18)

>>> Bereitschaft der Lektüre soll gefördert werden

  • allerdings: Beibehaltung alter Interpunktion und Schreibweise sei ein Signal für ein spez. histo. Verständnis klassischer Texte zu verstehen

>>> kulturpflegerische Funktion editorischer Tätigkeit wurde stärker in das öffent. Bewusstsein gerückt


  • Editionswissenschaft hat ihre Perspektive in methodischer und praktischer Hinsicht weitgehend an Beispielen von Autoren nach 1750 entwickelt
  • Edition von Texten der Frühen Neuzeit stand vor großen Problemen die gewaltigen Lücken in der Textversorgung mit wissen. fundierten, aber auch vom Aufwand her vertretbaren Editionen zu schließen
  • Editionen haben immer große Bedeutung für die Textdokumentation
  • gerade bei der Literatur der Frühen Neuzeit versagt Prinzip der Autorisation oft, da zumeist nicht zu entscheiden ist, in welchem Maß der Autor an der Veröffentlichung eines Textes beteiligt war und inwiefern ein gedruckter Text durch Eingriffe Dritter in seiner Gestalt überfremdet ist
  • Editionen der frühneuzeitlichen Literatur kämpfen zudem mit dem Problem der Vereinheitlichung ihrer Verfahren und Darstellungsweisen


  • "Reprint" Ausgabe - einfach Neudruck, der den Text aber unverändert lässt, kostengünstiger und weniger aufwendig als andere Editionsformen
  • auch Editionen von exempl. Einzeltexten möglich (z.B. beim Reclam Verlag), um breitere Popularisierung der Epoche zu fördern


  • "Faksimile" (originalgetreue Kopie), unterstützendes Medium für eine Edition, um Entstehungszusammenhang von Textfassungen auch in seiner optischen Dimension deutlicher hervorheben zu können


  • Editionen von Briefen als editorische Sonderform der Regestausgabe (Material wird wenigstens systematisch erschlossen, ohne dass vollständiger Textabdruck notwendig ist, "Zusammenfassung des Inhalts einer Urkunde, die durch ihre Beschreibung und gegebenenfalls durch Anmerkungen ergänzt wird" (S. 25), soll Vollabdruck ersetzen und muss deshalb alles Wesentliche, wenn auch in knappster Form, vor allem alle Namen, enthalten
  • Pilotfunktion hatte die Goethe - Edition/ Goethe Briefe
  • Regestausgabe bietet Zusammenfassung der Briefinhalte, gibt in einheitlichem Schema Informationen über den Briefeschreiber, Ort und Datum des Briefes und desse Überlieferung, listet ev. erfolgte Drucke auf oder vermerkt Bezugs-oder Antwortbriefe, Zusammenfassungen berücksichtigen wichtige Personen, erwähnte Werke oder wichtige hist. Ereignisse, versch. Register erschließen Informationen zusätzlich


2. Editionswissenschaft: zur Geschichte einer "jungen" Disziplin (Plachta, S. 27-45)Bearbeiten

  • 1977, Gerhard Seidel: Tendenzen der Edition werden nur durch Blick auf ihre Geschichte erkennbar
  • Paradigmenwechsel in der strikten Trennung von Editionsverfahren für mittelalterliche Texte und für Texte nach Erfindung des Buchdrucks
  • zwei wesentliche Gründerzeiten: 1880-1914 und 1945
  • erste Phase: Karl Lachmann, altphilologische Verfahren wurden zuerst relativ ungeprüft auf neuere Texte übertragen, erst allmählich wurde auch nach der Funktion von Varianten für den Schreibprozess des Autors gefragt
  • Editioren von antiken oder mittelalterlichen Texten können nicht auf einen "Originaltext" des Autors zurückgreifen, müssen ihn aus oftmals über Jahrhunderte hinweg überlieferten, häufig fehlerhaften oder willkürlich geänderten Abschriften rekonstruieren/ nach textkritischen Gesichtspunkten wieder herstellen
  • Texte der neueren Literaturgeschichte liegen häufig in der von den Autoren gewollten Form direkt überliefert vor, es gibt originale Handschriften und der Entstehungsprozess ist besser nachzuvollziehen

>>>aus diesen untersch. Textüberlieferungen resultieren methodische Differenzierungen in Überlieferungs - und Entstehungsvarianten und teilt auch die Editionswissenschaft in zwei versch. Arbeitsgebiete


  • Lachmann präzisierte bislang gültige textkritische Verfahren, mit dem Ziel, dass die Abschrift eines antiken oder mittelalterlischen Texts möglichst nah an das nicht erhaltene Original heran reichte
  • Methode: recensio (Textzeugen werden einer sehr strengen Musterung unterzogen, um Fehler und Fremdeingriffe zu bestimmen, emendatio (Fehler und Eingriffe werden beseitigt), Stemma (überlieferte Handschriften werden geordnet und in in einer chronologischen Reihenfolge entsprechend ihrer Verwandschaft dargestellt
  • auf Lachmanns Konzept beriefen sich zwei für die Geschichte der Edition bedeutsame hist.-krit. Ausgaben: Karl Goedeke: Sämtliche Schriften Schilers (1867-76) ; Weimarer Ausgabe von Goethes Werken (1887-1919)
  • Goedekes Verfahren war poetologisch, Aufmerksamkeit galt der Rekonstruktion einer Werkgestalt, die der Autor als die letztendliche begriffen und die er in seiner Vollständigen Ausgabe letzer Hand der Öffentlichkeit zum Vermächtnis gegeben hatte
  • Editor in der Nachfolge Lachmanns, Reinhold Backmann, forderte einen Apparat, der die früheren Fassungen eines Textes "gleichwertig und gleichberechtigt neben die Schlußgestalt" des Edierten Textes stellte (S. 31), sein Editionsversuch blieb aber unbefriedigend, weil sein mechan. Verfahren der Variantenverzeichnung das Material in den Handschriften aus dem Textzusammenhang löste und man ohne Hinzuziehung des Autographs das so erarbeitete Material nicht verstehen konnte
  • nächster bedeutender Schritt in der Editionswissenschaft: Witkowski bemühte sich um Erarbeitung methodisch fester Grundsätze für die Textkritik und Variantenwiedergabe

>>> durch Backmanns und Witkowskis Bemühungen wurde das Problem umrissen, dass Darstellung der Textentwicklung eine Aufgabe des Editors sein muss und dass er damit auch den Apparat samt den durch ihn dokumentierten früheren Textfassungen zu dem edierten Text hinzufügen muss

  • um dieser Forderung nach einem aussagekräftigen Apparat nachzukommen, machte Beißner mit der großen Stuttgarter Hölderlin Ausgabe (1943-85) einen großen Schritt, versch. Varianten wurden gezeigt und Korrekturvorgänge wurden ersichtlich
  • häufig ist es in der Editionspraxis schwer, die unleserlichen Dichterhandschriften zu entziffern oder durch das räumliche Durcheinander auf den Manuskripten ein chron. Nacheinander der Textentstehung zu rekonstruieren
  • Beißners "Treppenapparat" schafft es, die Abfolge einzelner Textstufen übersichtlich anzuordnen, mit dem Ziel, die konkrete Textentwicklung erkennbar zu dokumentieren

>>> je umfangreicher ein Apparat ist, desto komplizierter ist er, dafür ist ein hohes Maß an Objektivität und Überprüfbarkeit gewährleistet (z.B. Variantenapparat = graph. Wiederholung der Variantendarstellung)


  • die Entwicklung der Editionstechnik nahm im deut. Sprachraum in den 60ger Jahren einen entscheidenden Aufschwung, eine Vielzahl großer Editionsprojekte wurde ins Leben gerufen, doch: alle vorgeschlagenen und realiseriten Verfahren erreichten einen so hohen Grad an Technisierung, dass die Editionswissenschaft zunehmend den Ruf einer "Spezialdisziplin" bekam
  • viele Editoren beharrten auf autor - oder werkspezifische Lösungen, verhinderten so Ansätze zu einer größeren Einheitlichkeit in hist. - kritisch. Editionen
  • auch in tech. Einzelfragen war kein Konsens zu erzielen, viele Editionsprojekte kamen kaum oder gar nicht mehr voran!
  • Gunter Martens/ Hans Zeller, 1971 - Texte und Varianten: Versuch der Editionswissenschaft eine mehr grundsätzliche Richtung zu geben, grundsätzliche metho. und prakti. Perspektiven sollten entwickelt werden
  • später wird parallele Abdruck versch. Fassungen eines Textes in einer Edition zunehemend üblich, wodurch dokumentarischer Charakter der überlieferten Texte stärkere Berücksichtigung findet, nicht so sehr der etwaige Wille des Autors
  • Editoren wollten sich von der Öffentlichkeit nicht weiter isolieren und wollten gegen die berechtigten Vorwürfe angehen, Editionen seien inzwischen zu speziell. um überhaupt noch angemessen benutzt zu werden, daher versuchten sie Strukturen zu finden, um Editionswissenschaft mehr einheitliche Regeln
  • auf institutioneller Ebene schuf 1985 schuf die Gründung einer Arbeitsgemeinschaft für german. Edition die Voraussetzung die auseinanderstrebenden Editionsrichtungen im deutschen Sprachraum zusammenzuführen
  • "Arbeitsgemeinschaft für germanistische Edition" + "Arbeitsgemeinschaft philosopischer Editionen" sehen ihre Aufgabe darin Editoren ein interdisziplinäres Forum für den Erfahrungs - und Meinungsaustausch zu schaffen

10 Edition, EDV und neue Medien (Plachta, S. 130-134)Bearbeiten

  • Computer ist aus der Arbeit des Editors nicht mehr wegzudenken, neue Medien eröffnen ungeahnte Möglichkeiten, Editionsergebnisse in digitalisierter Form zugänglich zu machen + Weiterbe-oder - verarbeitung zu perfektionieren
  • editorische Arbeitsschritte - von der ersten Texterfassung bis zur Satzherstellung für den späteren Druck - sind inzwischen komfortabel am PC zu erledigen
  • Veröffentlichungen, die sich mit Edition und EDV befassen, werden zunehmend unübersichtlicher, zudem veralten Erkenntnisse auf Grund des tech. Fortschritts schnell und gelten rasch als überholt
  • EDV erleichtert Edition grundätzlich und bringt größere Präzision in den Ergebnissen mit sich, hat aber auch Gefahren ( bewährte edito. Prinzipen, Arbeitsschritte und Darstellungsformen werden aus dem Blick verloren)
  • EDV - Anwendung hat sich zuallererst an den Arbeitsweisen des Editors zu orientieren, umgekehrt muss aber auch der Editor seine Probleme kleinteillig mit dem Programm angehen
  • Hans Walter Gabler - James Joyce "Ulysses", eine der ersten computergestützen Editionen
  • Willhelm Ott hat Hautarbeitsgänge bei der editorischen EDV-Anwednung unterschieden:

(1) Sammlung und vorläufige Zusammenstellung sämtlicher Textträger

(2) Kollation (genaue Abgleich mehrerer abweichender Exemplare eines Textes)

(3) Auswertung der Kollationsergebnisse

(4) Konstitution eines Edierten Textes

(5) Erstellung von Variantenapparaten

(6) Erschließung des Materials durch Register etc.

(7) Erarbeitung einer Publikationsvorlage

(8) Endgültige Publikation der Editionsergenisse

  • EDV stets Arbeitserleichterung (z.B. beim Erstellen von Idices, Registern, bei Kopier - und Ablagevarianten...)
  • neue Speichermedien bieten Möglichkeiten Editionen zu digitalisieren, werden bevorzugt im Schulunterricht benutzt, Editionen auf CD-ROM bisher dennoch Ausnahmen
  • Vorteil: Quellen zur Entstehung, zur Rezeption und Kommentierung, neue Erkenntnisse etc. können leichter hinzugefügt werden, keine komplette Neuausgabe wie bei Büchern ist nötig
  • Kombination von traditioneller editorischer Arbeit mit der umfassenden Visualisierung eines Arbeitsarchivs bringt ungeahnte Möglichkeiten für den Benutzer + kommt dem editorischen Traum der Vollständigkeit nahe
  • aber: Gefahren einer "Konsum Haltung" ? / entsteht eine unkontrollierte und damit beliebige Bereitstellung von Material ohne wirkliche Bearbeitung? / wird Editionswissenschaft zu dokumentierendem Dienstleistungsunternehmen, die vom wissensch. Diskurs abgekoppelt ist?

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