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3 Lexikographie Bearbeiten

3.1 Umriss des ArbeitsgebietesBearbeiten

3.1.1 Aufgaben der Lexikographie

  1. Förderung der individuellen Sprachentwicklung
  2. Förderung des exakten Sprachgebrauchs
  3. Förderung der Stilsicherheit
  4. Förderung der Sprachkenntnisse nichtmuttersprachlicher Sprecher
  5. Förderung der Sprachkultur
  6. Förderung der Verständigung zwischen Experten und Laien
  7. in älteren Lexikographien: Förderung der Sprachreinheit und des Nationalbewusstseins
  • Grundlage der Lexikographie: lexikologisches Metawissen über Sprache --> Wörterbuchbearbeiter müssen in der Lage sein, Sachverhalte zu erkennen, einzuordnen und zu interpretieren
  • für Informationsprofile der Wörterbücher gelten inhaltliche und methodische Grundlagen der Bezugsdisziplinen + aktueller wissenschaftlicher Diskussionsstand über abzuleitende Erkenntnis-und Benutzungsinteressen
  • nichtwissenschaftliche Ansätze sind weniger an diese Vorgaben gebunden
  • normative Lexikographie: Rechtschreibwörterbücher, die v.a. die vorgeschriebene Orthographie z.B. an Schulen durchsetzen
  • deskriptive Lexikographie: Eigenschaften der Objektsprache sollen in gebrauchsüblichen Merkmalen beschrieben werden (kann auch normativ wirken)

3.1.2 Produkte der Lexikographie

  • Drucktext in Buchform
  • oder auch Digitale Wörterbücher
  • Eigenschaften von Printwörterbüchern:
    1. Sammlung von lexikalischen Einheiten mit bestimmten dokumentarischen und/oder erklärenden Informationen
    2. Lexem wird durch Lemma (Stichwort) repräsentiert
    3. Lemma + dazugehörige Informationen = Artikel
    4. bestimmtes Ordnungssystem, das die Abfolge der Lemmata regelt
    5. überblicksartige, diskussionslose Darstellung von Sachverhalten
    6. Problematisierungen bei widersprüchlichen/unsicheren Befunden unüblich
    7. Artikel = widerspruchsfreie Sprachwirklichkeit
  • Merkmale bei Artikeltexten:
  1. Wechsel typographischer Formate zur Kennzeichnung bestimmter Informationen
  2. Bemühem um Textkomprimierung (durch Abkürzungen, Symbole o.ä.)
  3. Interpunktion ersetzt z.T. verbalisierte Hinweise
  4. Textumfänge variieren aufgrund des Heft-bzw. Bandvolumens
  • Grenzformen der Textsorte Wörterbuch:
  1. registerförmige Wortsammlungen (Glossare, Konkordanzen)
  2. Textindizes
  • Konkordanzen = geordnete Stichwortverzeichnisse, die Vorkommen der Einzelstichwörter in einem oder mehreren Texten nachweisen
  • Glossare = alphabetisch geordnete Stichwortverzeichnisse zu ausgewählten Wörtern eines bestimmten Textes
  • Textindizes = Wörterbuchcharakter nicht mehr erkennbar; sortiert Textwortformen zwar alphabetisch, aber eine Klärung der Worteinheit durch Lemmatisierung oder Beschreibung der Stichwörter entfällt gänzlich
  • Abgrenzung der Textsorte Wörterbuch zur Textsorte Enzyklopädie:
  1. Enzyklopädien auf Sachinhalte bezogen, Wörterbücher auf Sprachinformationen
  • neben gedruckten Wörterbüchern immer mehr digitale Ausgaben (meist retrospektive Digitalisierungen von Sprachwörterbüchern)
  • keine großen Unterschiede zwischen Printmedium und elektronischem Medium (außer dem Medienwechsel selbst)
  • Einbeziehung der elektronischen Datenverarbeitung in den lexikographischen Arbeitsprozess wurde durch digitale Wörterbücher gefördert
  • Digitale Wörterbücher:
  1. systematische Auswertungsmöglichkeiten mit erweiterten Nutzungsperspektiven
  2. EDV-gestützte Neuansätze lösen sich mehr von der Gestalt des Printmediums
  3. aus bestimmten Informationen sollen Textcorpora erstellt werden

3.1.3 Grundlagen der Wörterbucharbeit

  • vier Komponenten:
  1. Wissensbasis
  2. Wissensprüfung
  3. Wissensermittlung
  4. Wissensorganisation/Vermittlung
  • Wissensbasis = Schicht des linguistisch-philologischen Domänewissens
  • Wissensprüfung/Ermittlung = kollektives Sprachwissen abhängig von bestimmten Begriffsbildungen, Erkenntnisbedingungen und Interessen --> vorhandener Wissensstand muss überprüft werden und ggf. modifiziert werden
  • Wissensorganisation = lexikographischer Arbeits-und Entwicklungsschwerpunkt; Steuerung von Auswahlprozessen für Stichwörter und Artikelinformationen, Regelung von Anordnung/Darstellung/Vernetzung bestimmter Informationen + Gewährleistung von einem stabilen Bearbeitungsablauf
  • Wissensvermittlung = alle Regelungen, die Anforderungen der Vermittelbarkeit und Voraussetzungen an die Zielgruppe bzw. die erwartende Benutzungssituation betreffen, werden hier getroffen

3.1.4 Wörterbuchforschung

  • Vorstufen seit dem 17.Jhd.
  • breite Wörterbuchforschung in Deutschland jedoch erst ab 1970/75 (Metalexikographie)
  • vier zentrale Beschäftigungsfelder mit Wörterbüchern (H.E. Wiegand 1998)
  1. Wörterbuchbenutzungsforschung
  2. Erforschung der Wörterbuchkritik
  3. Erforschung des lexikographischen Produktionsprozesses
  4. Erforschung der Geschichte der Lexikographie

3.3 WörterbuchvielfaltBearbeiten

3.3.1 Wörterbuchlandschaft

  • 2 Entwürfe der Wörterbuchlandschaft:
  1. Zentrum (ein Wörterbuch im Zentrum, andere sind egal)
  2. Peripherie (mehrere nebeneinander)

3.3.2 Wörterbuchtypen

  1. Ein - bzw. zweisprachiges Wörterbuch (oder sogar Polyglottenwörterbücher): Merkmal: Anzahl der Sprachen
  2. Fremdwörterbücher, Thesauruswörterbücher, fachsprachliche Wörterbücher, Mundartenwörterbuch o.ä. : Mermal: Art der Wortschatzabgrenzung
  3. Bedeutungswörterbuch, Valenzwörterbuch, morphologisches Wörterbuch etc. Merkmal: beschriebene Zeichenebene
  4. Begriffswörterbuch, Synonymenwörterbuch, Wortfamilienwörterbuch etc. Merkmal: beschriebene Zeichenbeziehung
  5. Übersetzungswörterbuch, Produktionswörterbuch, Taschenwörterbuch, Expertenwörterbuch etc. Merkmal: vorrangige Zielgruppe/Nutzung
  6. semasiologisches, onomasiologisches, diachrones, synchrones Wörterbuch etc. Merkmal: methodische Grundlage/Bezugswissenschaft
  7. Korpuswörterbuch, Belegwörterbuch, Definitionswörterbuch etc. Merkmal: lexikographische Grundlage bzw. Beschreibungsverfahren
  8. Verlagswörterbuch, Akademienwörterbuch. Merkmal: Träger des Wörterbuchprojekts

3.2 Wissensauswahl und WissensorganisationBearbeiten

3.2.1 Informationsdichte

  • Abgrenzung eines bestimmten Abschnittes = lexikographischer Objektbereich
  • Umfang des Objektbereichs variiert (wird gebildet aus äußeren Bedingungen [vorhandene Finanzierung, Umfang etc.] und dem Umfang des bearbeiteten Materials)

3.2.2 Informationsaufbau

3.2.2.1 Wörterbuchteile

  • Wörterbuch/Gesamttext entsteht aus Verbindung von
  1. Klammerfunktion des Titels
  2. Binden des Buches
  3. Vorgabe alphabetischer oder systematischer Bezugsebenen
  • Wörterbücher = Gefüge verschiedener Informationskomplexe
  • Artikelteil: Wissen über Einzelwörter oder Wortgruppen --> Informationsschwerpunkt
  • Grenzen des Artikelteils ergeben sich aus Geltungsbereich des Ordnungssystems
  • komplementäre Wörterbuchteile = Einleitungen, Benutzerhinweise, Quellenangaben in Belegwörterbüchern
  • komplementäre Texte erschließen das Wörterbuch nur in Grundzügen

3.2.2.2 Mikrostrukturen im Artikelteils

  • im Artikel: 3 unterschiedliche Gliederungs-und Informationsebenen:
  1. Stichwortreihe
  2. Einzelartikel
  3. Verweise
  • Einzelartikel = größtmögliche selbstständige Informationsebene
  • Mikrostrukur = Organisationssystem für die in der Artikelebene dargestellten Sachverhalte

3.2.2.3 Makrostrukturen im Artikelteil

  • Makrostruktur regelt die Reihenfolge der Artikelstichwörter
  • Frage nach Worteinheit + Frage nach Wortform
  • z.B. Stichwortanordnung (alphabetisch, nestalphabetisch, rückläufig angeordnet o.ä.)

3.2.2.4 Verweise

  • Verweise = Hyperebene von Makro-und Mikrostruktur
  • vernetzte Beziehungen zwischen Lemmata oder bestimmten Artikelinformationen werden gegeben
  • verschiedene Verweismöglichkeiten:
  1. Stichwortverweise
  2. Einzel- bzw. Sammelverweise
  3. Komprimierungsverweise
  4. onomasiologische Vernetzung
  5. Artikelinterne Verweise

3.2.3 Befundbeschreibung

3.2.3.1 Belege und Verwendungsbeispiele

  • Beleg: bestimmtes Wortvorkommen in zitatförmiger Wiedergabe mit Quellenangabe und Stellennachweis
  • verkürzte Belege: Stellennachweise in Form von Quellen-oder Stellenangaben ohne objektsprachlichen Text
  • Belegreihe: Möglichkeit der kombinatorischen Beschreibung (z.B. kultur-und sachgeschichtlich parallel)
  • Belegeigenschaften der Lexikographie:
  1. nach Quellengruppe zu unterscheiden (z.B. literarisch-nicht literarische Quellen)
  2. Bezugsumfang
  3. Sicht der Erklärungsfunktion
  • Umfang der Belegabbildung variiert funktionsbedingt
  • Verwendungsbeispiel: dient zur Veranschaulichung eines Wortgebrauchs
  • Funktion von Verwendungsbeispiel und Beleg ist ähnlich, aber
  1. Verwendungsbeispiel wird gezielt auf einen bestimmten Erklärungszweck ausgerichtet

3.2.3.2 Definitionen

  • in der metasprachlichen Befundebene einzuordnen
  • Definition = Beschreibung lexikalischer Bedeutungen
  • lexikographische Definitionen: haben keine feste Satzung, sondern umschreiben verkürzte Regel - und Sachverhaltsbeschreibungen
  • Bedeutung wird erschlossen
  • Definitionsformen:
  1. logische Definition (nach Oberbegriff-Unterbegriff-Verfahren)
  2. taxonomische Definition (Erklärung durch Einordnung in taxnomisches System)
  3. ostensive Definition (gebotene Erklärung zeigt Hinweis auf Objekt der realen Welt)
  4. paradigmatische Definition (Synonyme und Antonyme)
  5. morpho-semantische Definition (Erklärung eines Wortbildungsproduktes durch unmittelbare Konstituenten paraphrasiert)
  6. Funktionsdefinition (grammatische, semantische oder pragmatische Funktion wird genannt)
  7. Negations/Ausschlussdefinition (Definition in Form der Satznegation)
  8. metalinguistische Definition (Relationsprädikate, die metalinguistische Aussage über Funktion des Stichworts treffen)
  9. Rektionsdefinition (bei Verben)
  • Wahl eines Definitionstyps abhängig von stilistischen Faktoren abhängig oder von der Art der beschriebenen Lexeme
  • Definitionswortschatz wird nicht gesondert erfasst oder erklärt
  • Generelles Problem: Zirkularität

3.2.3.3 Komplementäre Angaben

  • Kommentare können Definitionen ergänzen
  • Informationen betreffen z.B. erläuternde Hinweise auf das Bezeichnete
  • sind nicht Bestandteil eines beschriebenen Semens
  • eigene Gruppe der Kommentare: Symptomwertangaben
  • dienen der Unterscheidung von unmarkierter und markierter Lexik
  • aufgrund fehlender Begriffserklärungen und inkonsequenter Ebenenabgrenzung unscharf

3.2.3.3 Darstellung der Polysemie

Völlig unnötig!!!

3.2.4 Quellen - und Belegsammlung

  • deskriptive lexikographische Materialbasis = zuverlässiges Abbild des Lexembestandes/-gebrauch; gleichzeitig: muss den Belangen praktischer Wörterbucharbeit gerecht werden
  • Spannungsverhältnis zwischen dem Ideal und der Wirklichkeit
  • wünschenswert aus wissenschaftlicher Sicht:
  1. vollständige bzw. sehr breite Abbildung des Gegenstandsbereiches
  2. aber: aus finanziellen Gründen oft nur selektiver Zugriff möglich
  • Umfang einer Materialbasis wirkt sich auf Bearbeitungsgeschwindigkeit aus, sowie auf den Publikationsumfang und die inhaltliche Differenzierung
  • Textzeugnisse = Repräsentaten eines Objektbereichs
  • verschiedene Repräsentationskriterien:
  1. diasystematische
  2. ästhetische
  3. sachgebiets- oder textsortenspezifische
  • Abbildleistungen lassen jedoch Probleme erkennen (z.B. überproportional viele literarische Quellen, aber kaum andere)

3.4 WörterbuchnutzungBearbeiten

  • im Rahmen der Sprachproduktion und/oder Sprachinterpretation
  • Anlässe für Laiennutzung:
  1. Frage nach korrekter Schreibung
  2. Frage nach der Aussprache eines Wortes
  3. Frage nach Pluralformen eines Substantivs
  • Anlässe in der Wissenschaft:
  1. Auswertung von Wörterbüchern
  2. Hypothesenbildung über Wortbestimmungsregeln
  • Wörterbuchnutzung als selbstverständliche Kulturtechnik
  • Wörterbuchkultur = angemessener und qualifizierter Umgang mit Wörterbüchern --> im deutschsprachigen Raum: Defizite!
  • Nutzer --> Erkenntnisinteresse --> dementsprechendes Wörterbuch muss genutzt werden
  • Wörterbuchbibliographien helfen beim suchen nach dem geeigneten Typ für das angestrebte Suchergebnis

3.5 WörterbuchgeschichteBearbeiten

  • Periodenbildung:
  1. 8./14.Jhd.: Glossare und Vokabularien zu Unterrichtszwecken
  2. 15./16.Jhd.: Deutsch wird Objekt gelehrter Wörterbucharbeiter
  3. 17./18.Jhd.: Deutsch soll wg. seiner vorbildlichen Ausprägung in einem Wörterbuch kodifiziert werden
  4. 19.Jhd./1.Hälfte 20.Jhd.: Phase des dt. Wörterbuchs von den Grimm-Brüdern
  5. zweite Hälfte 20.Jhd.: Beginn der Gegenwart der dt. Lexikographie

(der Rest der Geschichte ist bereits im vorigen Text bestens geschildert worden!)

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